
Projekt im Interview: Berlin blüht auf!
Das Projekt "Mehr Bienen für Berlin: Berlin blüht auf!" zeigt, wie Artenschutz auch in einer Millionenstadt gelingen kann. Seit 2018 wurden in allen zwölf Bezirken 93 Blühflächen mit insgesamt rund 56.000 m² geschaffen und naturnah gepflegt. Der Erfolg ist sichtbar: Auf den Flächen konnten bereits 170 von 331 Berliner Wildbienenarten nachgewiesen werden – ein klarer Beleg für die Wirksamkeit der Maßnahmen. Durchgeführt wird "Berlin blüht auf" von der Deutschen Wildtier Stiftung in Kooperation mit dem Land Berlin. Projektleiter Manuel Hensen gibt im Interview Einblicke hinter die Projektkulissen.
Worum geht es in Ihrem Projekt genau?
Im Grunde geht es darum, städtische Flächen wieder lebendiger zu machen. Viele Grünflächen wirken auf den ersten Blick gepflegt und ordentlich, sind für Insekten aber eher eine grüne Wüste: Es blüht wenig, es gibt kaum Nahrung und oft auch keine Nistmöglichkeiten.
Deshalb legen wir gezielt artenreiche Blühflächen an und achten darauf, dass sie so gepflegt werden, dass Wildbienen und andere Insekten dort dauerhaft Lebensräume finden. Besonders schön ist zu sehen, dass das tatsächlich funktioniert: Inzwischen konnten auf den Projektflächen über 180 Wildbienenarten nachgewiesen werden. Das ist ein erstaunlich großer Teil der Berliner Artenvielfalt (entspricht knapp 55 % der in Berlin vorkommenden Wildbienenarten) und zeigt, wie viel selbst auf vergleichsweise kleinen Flächen möglich ist.
Sie untersuchen auch, wie sich die Artenvielfalt auf den Flächen im Laufe der Zeit entwickelt. Wie genau führen Sie diese Untersuchungen durch – und wie häufig?
Die Flächen werden über mehrere Jahre hinweg begleitet. Während der Vegetationsperiode sind Fachleute regelmäßig vor Ort, meist etwa fünfmal zwischen Frühjahr und Spätsommer. Dabei werden Wildbienen erfasst, bestimmt und dokumentiert. Gleichzeitig wird geschaut, welche Pflanzen blühen und wie sich die Flächen insgesamt entwickeln. Viele Wildbienenarten lassen sich nur unter dem Mikroskop sicher unterscheiden, deshalb erfolgt ein Teil der Bestimmung nicht auf der Fläche.
Dabei schauen wir nicht nur auf Wildbienen, sondern auch auf andere blütenbesuchende Insekten wie Schmetterlinge, Käfer, Schwebfliegen oder auch Spinnen. So entsteht ein umfassenderes Bild davon, wie sich die Lebensgemeinschaft insgesamt entwickelt und welche Arten von den Maßnahmen profitieren.
Das Spannende ist, dass man viele Veränderungen nicht direkt erkennt. Manche Pflanzen etablieren sich erst nach einigen Jahren richtig, und auch bei den Insekten dauert es oft, bis neue Arten auftauchen oder sich stabile Bestände entwickeln. Gerade deshalb ist es so wichtig, dranzubleiben und die Flächen kontinuierlich zu beobachten.
Welche positive Entwicklung auf den Flächen ist Ihnen ganz besonders aufgefallen?
Besonders beeindruckend ist, dass nicht nur häufige Arten auftauchen, sondern auch seltene und spezialisierte Wildbienen. Das zeigt, dass die Flächen wirklich als Lebensraum funktionieren und nicht nur als „Blühstreifen fürs Auge“.
Außerdem wird immer wieder deutlich, dass solche Flächen gar nicht riesig sein müssen. Selbst kleinere Bereiche können eine erstaunlich große Vielfalt beherbergen, wenn Blütenangebot, Struktur und Pflege stimmen. Das gilt sogar in sehr urbanen Umgebungen: Für die Artenvielfalt der Insekten sind lokale Faktoren wie Blütenverfügbarkeit und Pflanzenvielfalt oft wichtiger als die unmittelbare Umgebung. Dennoch bleibt die Nähe zu weiteren potenziellen Lebensräumen ein wichtiger Aspekt. Und grundsätzlich gilt: Je größer die Fläche ist, desto besser kann sie ihre ökologische Wirkung entfalten.
Gibt es auch negative Entwicklungen?
Natürlich läuft nicht immer alles ideal. Manchmal werden Flächen durch Baumaßnahmen beeinträchtigt, oder eine ungünstige Pflege, etwa zu häufiges Mähen, reduziert das Blütenangebot deutlich. Dann muss man nachbessern oder neu einsäen. Viele Schwierigkeiten hängen außerdem mit dem starken Nutzungsdruck auf die wenigen verfügbaren Flächen zusammen. Das gilt besonders in einer dicht bebauten Stadt wie Berlin: Grünflächen werden dort oft gleichzeitig als Aufenthalts- und Erholungsräume genutzt, als Veranstaltungsorte oder temporär als Lager- und Baustelleneinrichtungsflächen, was Vegetation und Boden stark beanspruchen kann. Auch intensives Betreten, Hundelauf, Müllbelastung oder das kurzfristige Umgestalten von Flächen im Zuge von Bau- und Infrastrukturmaßnahmen können die Entwicklung artenreicher Blühflächen erschweren.
Auch der Standort spielt eine Rolle. Stark versiegelte Umgebung, viel Verkehr oder isolierte Flächen können es manchen Arten schwer machen, sich dauerhaft anzusiedeln. Solche Erfahrungen gehören dazu und helfen, zukünftige Flächen noch besser zu planen.
Ihr Projekt trägt auch zur Vernetzung von Akteuren wie Kommunen, Unternehmen und der Wissenschaft bei. Wie gestaltet sich diese Vernetzung konkret?
Ein großer Teil der Arbeit besteht tatsächlich darin, Menschen zusammenzubringen. Die Flächen entstehen in enger Abstimmung mit den Grünflächenämtern, die wissenschaftliche Begleitung erfolgt durch Fachgutachter*innen und im Rahmen studentischer Abschlussarbeiten, und oft sind auch Unternehmen oder Initiativen beteiligt, die Flächen bereitstellen oder Maßnahmen unterstützen.
Darüber hinaus gibt es regelmäßig Workshops, gemeinsame Begehungen, Fachveranstaltungen und Beratungsangebote. Gerade dieser Austausch ist sehr wertvoll, weil viele Beteiligte vor ähnlichen Fragen stehen, etwa zur richtigen Pflege, zu Ausschreibungen oder zur Akzeptanz naturnaher Flächen, und voneinander lernen können.
Genau aus diesem Grund organisieren wir jährlich das Forum „Aus grün wird bunt“. Dort kommen Verwaltung, Wissenschaft, Naturschutz, Pflegebetriebe und engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammen, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln gemeinsam Lösungen, etwa zur biodiversitätsfördernden Mahd, zu Ausschreibungen oder zu Ausbildung und Qualifizierung im Bereich naturnahe Pflege. Solche Formate helfen, Wissen schneller in die Praxis zu bringen und neue Kooperationen anzustoßen.
Welche Pflegemaßnahmen finden aktuell auf den Flächen statt – und weshalb?
Die wichtigste Maßnahme ist eigentlich die an den jeweiligen Standort angepasste Pflege. Die Flächen werden nicht einfach sich selbst überlassen, aber auch nicht wie klassischer Rasen behandelt. Stattdessen wird seltener und zu angepassten Zeitpunkten gemäht, meist gestaffelt, sodass immer ein Teil der Vegetation stehen bleibt. So können Pflanzen aussamen, und Insekten finden weiterhin Nahrung und Rückzugsräume.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass möglichst regionale, artenreiche Blühmischungen eingesät oder bei Bedarf nachgesät werden. Das sorgt dafür, dass über einen langen Zeitraum im Jahr etwas blüht und unterschiedliche Insektenarten Nahrung finden. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass typische Strukturen erhalten bleiben – etwa offene Bodenstellen für bodennistende Wildbienen oder abgestorbene Pflanzenstängel, die vielen Insekten als Nistplatz dienen.
Außerdem gehört zur Pflege auch, die Flächen regelmäßig zu kontrollieren und bei Bedarf nachzusteuern, zum Beispiel, wenn sich einzelne Pflanzenarten zu stark ausbreiten oder die Blütenvielfalt zurückgeht. Genau dieses kontinuierliche Beobachten und Anpassen macht den Unterschied.
Was müsste sich ändern, damit es noch mehr Projekte dieser Art in ganz Deutschland gibt?
Oft sind es gar nicht die großen Hürden, sondern viele kleine Dinge, die den Unterschied machen. Wichtig sind vor allem ausreichende finanzielle Mittel und der Mut, Grünflächen auch einmal anders zu denken, naturnäher, weniger intensiv gepflegt und stärker an ökologischen Zielen orientiert.
Mindestens genauso wichtig ist, Wissen und Erfahrung in die Praxis zu bringen. In Gesprächen mit Kommunen oder Pflegebetrieben zeigt sich immer wieder, dass viele die Idee gut finden, aber unsicher sind, wie naturnahe Pflege konkret umgesetzt werden kann oder wie sich das in Ausschreibungen, Pflegeplänen und Arbeitsabläufen abbilden lässt. Genau hier helfen Austauschformate wie Fachforen oder Workshops, bei denen Praktiker*innen, Verwaltung und Wissenschaft zusammenkommen und ganz konkret über Lösungen sprechen.
Auch die Akzeptanz in der Öffentlichkeit spielt eine Rolle. Naturnahe Flächen sehen anders aus als klassisch gepflegter Rasen, wilder, manchmal unordentlicher. Wenn Menschen verstehen, warum das so ist und welchen Wert diese Flächen haben, wächst die Unterstützung spürbar.
Was passiert nach Ende der Projektlaufzeit mit den Flächen?
Das Ziel ist, die Flächen langfristig zu erhalten und die Pflege in die Hand der zuständigen Grünflächenämter zu geben. Dafür entwickeln wir für die Flächen entsprechende Pflegepläne und bieten jährlich Fortbildungen für die Mitarbeitenden der Grünflächenämter an. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass sich stabile und artenreiche Nahrungsflächen entwickeln können, wenn die Pflege konsequent fortgeführt wird.
Welche Lessons Learned möchten Sie ähnlichen Projekten mit auf den Weg geben?
Die die Vielfalt der Pflanzen ist entscheidend! Wenn viele unterschiedliche Arten ausgesät werden, merkt man schnell, dass auch ganz unterschiedliche Insekten auftauchen – darunter oft Arten, mit denen man anfangs gar nicht gerechnet hätte.
Genauso wichtig ist Geduld. Am Anfang sehen manche Flächen noch unscheinbar aus, und man fragt sich vielleicht, ob sich der Aufwand lohnt. Aber nach zwei oder drei Jahren verändert sich oft sehr viel: Pflanzen etablieren sich, neue Arten kommen dazu und plötzlich merkt man, wie sich ein richtiger Lebensraum entwickelt. Dabei lohnt es sich auch, das vorhandene Potenzial der Fläche mitzudenken: etwa die Samenbank im Boden, aus der sich mit der Zeit wieder Arten entwickeln können. Viele der typischen Pflanzenarten können grundsätzlich wiederkommen, wenn die Bedingungen stimmen.
Ebenso entscheidend ist es, mit den Standortgegebenheiten zu arbeiten, statt zu versuchen, an einem Ort etwas zu etablieren, was dort eigentlich nicht hinpasst und sich langfristig nicht halten kann.
Sehr hilfreich ist dabei das Monitoring. Es zeigt nicht nur, was auf den Flächen passiert und wo man nachsteuern sollte. Die Ergebnisse sind auch eine gute Grundlage, um darüber zu sprechen, was das Projekt tatsächlich bewirkt. Konkrete Zahlen, Artenfunde oder Entwicklungen lassen sich gut vermitteln, gegenüber der Öffentlichkeit genauso wie gegenüber möglichen Fördermittelgebern. Das hilft sehr, Verständnis und Unterstützung für solche Maßnahmen zu gewinnen.
Wichtig ist aber auch, sich von Rückschlägen nicht verunsichern zu lassen. Nicht jede Fläche entwickelt sich so, wie man es sich wünscht. Manchmal spielen äußere Einflüsse eine Rolle, die man kaum steuern kann, etwa Baumaßnahmen, ungünstige Witterung, Pflegefehler oder Standortbedingungen. Solche Erfahrungen gehören dazu und sind oft sogar hilfreich, weil man daraus lernt und die nächsten Flächen besser planen kann.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Pflege: Schon kleine Dinge, wie der richtige Zeitpunkt für die Mahd oder einfach einmal weniger zu mähen, können einen großen Unterschied machen. Man merkt schnell, dass nicht mehr Arbeit nötig ist, sondern oft einfach eine andere Art der Pflege.
Und schließlich zeigt sich immer wieder, wie wichtig Zusammenarbeit ist. Solche Projekte gelingen am besten, wenn verschiedene Akteure miteinander im Gespräch bleiben, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen. Oft entstehen gerade in diesen Gesprächen die Ideen, die ein Projekt wirklich voranbringen.
Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier.
Bilder (c) Deutsche Wildtier Stiftung




